Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner

Deutsches Bergbau-Museum

Wandel vorantreiben

Sunhild Kleingärtner interessiert sich für die Dinge, die im Verborgenen liegen. „Als Archäologin bin ich an dem interessiert, was man auf den ersten Blick nicht sieht, an dem, was im Untergrund liegt“, sagt die 50-Jährige. Wie passend, dass die Forscherin seit Juli 2022 als wissenschaftliche Direktorin das Deutsche Bergbau-Museum Bochum – das Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen leitet.

Seit seiner Gründung 1930 ist es dem Auftrag verpflichtet, „das materielle Erbe des Bergbaus zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen, auszustellen und zu vermitteln“. „Wir sind das Gedächtnis des Steinkohle-Bergbaus, sind ein Identitätsmarker für Stadt und Region“, so Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner. Über den Standort ihres Hauses sagt die Professorin der Ruhr-Universität Bochum (RUB): „Das Ruhrgebiet wurde vom Untergrund gedacht: Man hat geschaut, wo die Bodenschätze sind und hat darauf die Entwicklung der Region ausgerichtet. Das Leben über Tage orientierte sich danach und tut es heute noch. Man sieht es an der Infrastruktur. Das Leben hat sich quasi darum herum gerankt.“

„Im Deutschen Bergbau-Museum Bochum interessiert uns die Wechselwirkung zwischen Menschen und Georessourcen. Uns interessiert, wie der Mensch damit im Laufe seiner Geschichte umgegangen ist, und was es mit dem Menschen macht, mit diesen umzugehen."
Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner
Wissenschaftlichen Direktorin – Deutsches Bergbau-Museum Bochum / Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen


Wissen sichtbar machen

An der RUB interessiert Sunhild Kleingärtner, die Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Kunstgeschichte studiert hat, die Schnittstelle von Archäologie und museumsbezogenem Transfer – „wie ich Wissen sichtbar machen kann“, erläutert sie. Im Deutschen Bergbau-Museum Bochum stehen ihr und ihrem Team dafür allein „über Tage“ 8.000 Quadratmeter zur Verfügung. Darunter das markante, metallisch-grüne, fast 72 Meter hohe Fördergerüst, das viele mit Bochum verbinden. Dazu kommt ergänzend das Anschauungsbergwerk, das Besucher*innen den realistischen Eindruck vermittelt, viel tiefer „eingefahren zu sein“ als die tatsächlichen 17 Meter.

Während in den oberen Etagen, Kristalle und Salze glitzern, metallene Gefäße und Schmuck funkeln, bestimmen nach der simulierten Seilfahrt imposante Maschinen wie Abbauhämmer, Bohrwagen, Walzenlader, Ripper und Loren das Bild in den „Tunneln“.
Ob Steinkohle oder Eisenerz: Die drei Strebe mit ihrem zirka 1,2 Kilometer langen Streckennetz vermitteln Gästen des Museums und Student*innen der benachbarten Technischen Hochschule Georg Agricola, von welchen Mühen und Risiken der Arbeitsalltag unter Tage geprägt war und es weltweit in verschiedenen Ländern nach wie vor ist.

„Im Deutschen Bergbau-Museum Bochum interessiert uns die Wechselwirkung zwischen Menschen und Georessourcen“, schildert Sunhild Kleingärtner. „Uns interessiert, wie der Mensch damit im Laufe seiner Geschichte umgegangen ist, und was es mit dem Menschen macht, mit diesen umzugehen.“

2023 haben sich damit im Deutschen Bergbau-Museum auch rund 175.000 Besucher*innen auseinandergesetzt, darunter viele Schulklassen. „Dass sie heute immer noch kommen, ist uns wichtig, denn es geht ja nicht nur darum, was die Steinkohle in der Vergangenheit bedeutet hat, sondern was Georessourcen für die Zukunft und für das eigene Leben bedeuten“, betont die Archäologin. Dafür nehmen etliche Gäste auch weite Wege in Kauf. „Unsere Besucherinnen und Besucher kommen aus den Niederlanden, Großbritannien, den Benelux-Ländern und Polen, aber auch aus Skandinavien, den USA, Süd-Korea und Japan“, zählt Sunhild Kleingärtner auf, die nach ihrem Dienstantritt als wissenschaftliche Direktorin selbst einen Tag an der Museumskasse gearbeitet und die Besucher*innen begrüßt hat.

Wissenschaftlich exzellent

Wovon Besucher*innen wenig mitbekommen, ist die wissenschaftliche Arbeit, die die Mitarbeiter*innen abseits der Ausstellungsräume leisten. In Laboren forschen und arbeiten sie mit archäologischen Funden und für andere Museen. „Wir untersuchen zum Beispiel in der Metallanalytik Bronzebarren und Silbermünzen auf ihre Bestandteile“, veranschaulicht Sunhild Kleingärtner. „Wichtig ist, dass wir wissenschaftlich relevant und exzellent sind, dass wir durch unsere Themen überregional förderwürdig sind.“ Aktuell tun dies Bund und Land für einen wichtigen Entwicklungsschritt gemeinsam: Sie fördern den nah zur Bochumer Jahrhunderthalle und Innenstadt entstehenden Forschungsbau mit Depot für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum. Der Neubau dient ab 2027 dauerhaft der Erforschung und Digitalisierung der montan-historischen Sammlungen und zukünftig auch externen Wissenschaftler*innen aus dem In- und Ausland als Forschungsstätte.

Die Stadt Bochum, die „als treibende Kraft“ das Deutsche Bergbau-Museum Bochum vor gut einhundert Jahren mitgegründet habe, investiert ebenfalls in die Institution, fördert sie auch heute. „Sie hatte die wegweisende Idee für die Gründung. Ziel war damals, den angehenden Bergbauingenieuren der benachbarten Hochschule zu zeigen, wie man unter Tage arbeitet. Das Deutsche Bergbau-Museum lockte jedoch auch ganze Delegationen, darunter viele aus China, an, die daran interessiert waren, welche technischen Hilfsmittel und Arbeitsgeräte unter Tage eingesetzt werden, um bestmöglich Kohle abzubauen“, so Sunhild Kleingärtner.

Heute besteht immer noch eine enge Verbindung von Museum und Hochschule. Student*innen nutzen die Wiese, die zwischen beiden Häusern liegt, wie einen Campus, sitzen bei schönem Wetter mit ihren Büchern im Gras, nutzen das Forschungsmuseum als ideale Ergänzung zum Vorlesungsbetrieb. Auf beiden Seiten der Straße ist man mit der Zeit gegangen. Für das Deutsche Bergbau-Museum Bochum heißt das: „Wir forschen mittlerweile anders, binden Zeitzeugen anders ein – als ,Citizen Scientists‘ – und entwickeln Fragestellungen aus deren Sicht“, berichtet die Archäologie-Professorin der RUB. Ein Ziel: „Leute ins Haus ziehen und unsere Themen auf die Straße bringen. Das ist mir ein Anliegen.

Klarer gesellschaftlicher Auftrag

Der Weg nach Bochum führte die gebürtige Wolfsburgerin unter anderem über Kiel. Die ausgebildete Forschungstaucherin hatte sich dort zuvor maritimen „Schätzen“ gewidmet, von 2013 bis 2021 als Direktorin die Geschäfte und Geschicke des Deutschen Schifffahrtmuseums, dem Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven, geleitet und als Professorin an der Universität Bremen gewirkt. „Schifffahrt und Bergbau … es gibt Ähnlichkeiten“, sagt sie. In beiden Metiers gingen und gehen die Menschen ihrer Arbeit weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach. Und natürlich, wenn man die eingesetzten Gerätschaften über die Zeiten hinweg betrachte: „Beides hat mit viel Technik zu tun“, erläutert Sunhild Kleingärtner. Beide Häuser gehören zudem der Leibniz-Gemeinschaft an, einer Wissensgemeinschaft, die 96 Forschungseinrichtungen vereint, darunter acht Forschungsmuseen mit einem klaren gesellschaftlichen Auftrag: „Hier treffen Wissenschaft und Gesellschaft auf ganz besondere Weise zusammen“, findet Sunhild Kleingärtner, die von 2015 bis 2017 Sprecherin der acht Leibniz-Forschungsmuseen war.

Nach ihren verschiedenen beruflichen Stationen, vor allem in Nord- und Süddeutschland, will sie nun in Bochum – im Deutschen Bergbau-Museum und an ihrem Lehrstuhl für Transfer an der Ruhr-Universität – Wandel in Stadt und Region mit vorantreiben. „Das Ruhrgebiet hat mich mit seiner Vielfalt, auch an Freizeitmöglichkeiten, überrascht. Es ist schön, dass es so viel Wissenschaft, Kunst und Kultur gibt. Aber man durchaus auch gut Radfahren kann – zum Beispiel auf den Erzbahntrassen“, lacht die Museumsdirektorin. „Eine tolle Melange!“

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