Prof. Dr. Klaus Gerwert

betaSENSE

Parkinson-Früherkennung – weltweit erster Bluttest stammt aus Bochum

Die große Angst vor dem Vergessen: In Deutschland leben über 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Die meisten leiden an Alzheimer und Parkinson. Die Tendenz ist in der alternden westlichen Gesellschaft stark steigend. Was die Betroffenen nicht wissen: Sie sind schon lange erkrankt, im Schnitt seit mehr als einem Jahrzehnt. Erst nach einer solch langen Spanne machen sich klinische Symptome bemerkbar. Damit ist unwissentlich die wichtigste Zeit für den Kampf gegen die Erkrankungen verloren gegangen. Prof. Dr. Klaus Gerwert, Gründungsdirektor des Forschungszentrums für molekulare Proteindiagnostik (PRODI) und Gründer der betaSENSE GmbH, arbeitet daher daran, neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson früh zu erkennen, damit der Ausbruch von Symptomen künftig medikamentös verhindert werden kann. Dazu hat er ein weltweit neues Bluttestverfahren entwickelt – medizinische Spitzenforschung aus Bochum!

Ursache für neurodegenerative Erkrankungen sind Proteine, die sich im Gehirn von ihrer „gesunden“ in eine „krankmachende“ Struktur fehlfalten, sich unlöslich ablagern und Nervenzellen unwiederbringlich schädigen. Diese irreversiblen Fehlfaltungen – bei Alzheimer und Parkinson von einer alpha- auf eine beta-Faltblatt-Struktur – kann Prof. Dr. Klaus Gerwert über Biomarker im Blut nachweisen – lange bevor Patient*innen darunter zu leiden beginnen. „Wir möchten den Ausbruch der Symptome verhindern, damit Menschen lange im Alter selbstbestimmt leben können“, beschreibt der Biophysiker das Ziel seiner Entwicklungsarbeit bei betaSENSE.

In seinem Unternehmen im BioMedizinZentrum Ruhr der Stadt Bochum nahe dem Campus der Ruhr-Universität Bochum konzentrieren er und sein Team sich aktuell auf die Früherkennung von Parkinson. „Davon gibt es viele verschiedene Ausprägungen“, erklärt Klaus Gerwert. „Mit unserem Test kann die Erkrankung viel früher und besser klassifiziert werden. Mit dem Test kann man die Symptome früher und präziser therapieren und medikamentös behandeln. Der Test zur Klassifizierung von Parkinson im Blut ist derzeit ist weltweit einzigartig.“

„Für meine Forschung ist Bochum der ideale Platz. Im benachbarten BioMedizinZentrum haben wir für betaSENSE sehr gute Rahmenbedingungen. Von hier zu unserem Forschungszentrum PRODI auf dem Gesundheitscampus sind es zu Fuß nur zehn, mit dem Rad fünf Minuten. Dort arbeiten wir intensiv an der Zulassung für den Früherkennungstest von Parkinson und Alzheimer."
Prof. Dr. Klaus Gerwert
Gründungsdirektor des Forschungszentrums für molekulare Proteindiagnostik (PRODI)
und Gründer der betaSENSE GmbH

Ausbruch stoppen

Auch Alzheimer lässt sich mit dem in Bochum entwickelten Bluttest bereits im symptomfreien Zustand nachweisen. Damit kann das Risiko für eine spätere klinische Diagnose präzise bestimmt werden. Bisherige klinische Diagnosemöglichkeiten sind für Patient*innen durch eine Lumbalpunktion, bei der Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen und untersucht wird, aufwendiger und unangenehmer. Die Alternative zum Nervenwasser, das PET-Scanning, ist sehr teuer und sehr aufwändig. Diese zwei heute üblichen Testverfahren sind jedoch nicht für das symptomfreie Frühstadium der Krankheit geeignet. Ein jüngst in den USA entwickelter Bluttest kann auf Dauer die beiden klinischen Verfahren zwar ersetzen und präzise das bereits klinische Stadium nachweisen, nicht aber die frühe symptomfreie Erkrankung.

 

Damit verlieren Patient*innen die Chance, die Krankheit am Ausbruch zu hindern. Denn bei Alzheimer wie Parkinson gilt: Beide sind aktuell nicht heilbar. Klagen Betroffene oder deren Angehörige über Anzeichen wie Vergesslichkeit oder motorische Störungen, ist es leider schon viel zu spät: „Der irreversible Schaden ist dann schon sehr hoch“, weiß Klaus Gerwert. Im Fall von Alzheimer gebe es jedoch Medikamente, die den Zerfallsprozess verlangsamen und schon aufgetretene Symptome lindern können. Auch bei Parkinson können Medikamente den Leidensdruck mindern. „Wir denken, mit einer frühzeitigen Erkennung durch unseren Test können wir die Therapie noch deutlich verbessern oder die Erkrankung bestenfalls aufhalten“, sagt der CEO von betaSENSE.

Von der Forschung in die Versorgung

Im Kampf gegen Parkinson ist betaSENSE bereits Auftragnehmer für klinische Studien, in denen neue Medikamente getestet werden; zum Beispiel wurde kürzlich für eine Schweizer Pharmafirma die Wirkung einer Impfung gegen Parkinson untersucht. Auch von der renommierten Michael J. Fox Foundation hat das Bochumer Entwicklungsunternehmen Proben und zudem eine hohe Fördersumme erhalten, um das Testverfahren und die dafür entwickelten Testgeräte noch weiter zu verbessern. „Das ist schon ein Ritterschlag für ein deutsches Start-up“, freut sich der betaSENSE-Gründer über die großzügige Zuwendung. Die Stiftung des an Parkinson erkrankten US-Schauspielers ist weltweit der größte private Förderer für die Suche nach verbesserten Behandlungsmethoden und künftiger Heilung dieser Krankheit, die sich in überalternden Gesellschaften neben Alzheimer zur Volkskrankheit zu entwickeln droht. „Das Erkrankungsrisiko steigt exponentiell mit dem Alter“, schildert Klaus Gerwert. Der Bluttest für die Erkennung von Parkinson oder Alzheimer bereits im symptomfreien Frühstadium richtet sich daher an Menschen ab 60 Jahren. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll er in Krankenhäusern verfügbar sein. Vision ist, in drei Jahren erstmals auch klinische Labore für niedergelassene Facharztpraxen mit den von betaSENSE entwickelten Testgeräten auszustatten. Am Verfahren zur Zertifizierung und Zulassung für den europäischen Marktwird arbeitet das Team intensiv.

Erkrankungsrisiko kennen

Die Geräte für die Bluttestung im Frühstadium – so genannte Immuno-Infrarot-Sensoren, kurz iRS – werden bei betaSENSE von einem interdisziplinären, 30 Personen starken Team aus Molekularbiolog*innen, Chemiker*innen, Mediziner*innen, Physiker*innen, Informatiker*innen, Ingenieur*innen und Quality-Manager*innen entwickelt, eingesetzt und verfeinert. „Die Menschen werden sich in den nächsten Jahren testen lassen wollen, denn sie werden ihr Erkrankungsrisiko kennen und frühe Behandlungsmöglichkeiten nutzen wollen, um den klinischen Ausbruch von Parkinson oder Alzheimer verhindern zu können“, ist sich Klaus Gerwert sicher. Wichtig sei, dies ethisch zu begleiten, das heißt, dass Ärzt*innen mit ihren Patient*innen Testung sowie Testergebnis besprechen und erörtern, ob und welche Maßnahmen Betroffene bei einem hohen Erkrankungsrisiko oder positiven Befund ergreifen können und wollen.

Mit Proteinen hatte sich Klaus Gerwert bereits in seiner Doktorarbeit in biophysikalischer Chemie an der Universität Freiburg beschäftigt. Nach einem Postdoc-Aufenthalt am Max-Planck-Institut in Dortmund und einem Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgesellschaft am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla, USA, übernahm er 1993 im Alter von 36 Jahren den Lehrstuhl für Biophysik an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Dorte baute er ab 2004 den Sonderforschungsbereich für „GTP und ATP-anhängige Membranprozesse“ auf und leitete ihn bis 2016. 2010 gründete er das europäische Proteinforschungszentrum „PURE“, um Kompetenzen auf dem RUB-Campus sowie darüber hinaus effektiv zu bündeln, und warb damit 2014 Bundesfördermittel für den Bau des Zentrums für Proteindiagnostik (PRODI) auf dem Gesundheitscampus ein. 2021 gründete der Münsteraner die betaSENSE GmbH als Spin-off der Ruhr-Universität Bochum.


Bochum als Innovationsstandort

„Für meine Forschung ist Bochum der ideale Platz“, sagt Prof. Dr. Klaus Gerwert, der mit dem Start des Sommersemesters 2026 seinen Lehrstuhl für Biophysik abgegeben hat, um sich seinem Forschungsbereich in PRODI dank einer an die RUB gekoppelten Hector-Senior-Professur stärker widmen zu können: „Im benachbarten BioMedizinZentrum haben wir für betaSENSE sehr gute Rahmenbedingungen. Von hier zu unserem Forschungszentrum PRODI auf dem Gesundheitscampus sind es zu Fuß nur zehn, mit dem Rad fünf Minuten. Dort arbeiten wir intensiv an der Zulassung für den Früherkennungstest von Parkinson und Alzheimer.“

In betaSENSE hat Klaus Gerwert, der 2023 mit dem Innovationspreis NRW ausgezeichnet wurde, vor kurzem seine zweite Firma betaIMAGING aufgenommen. Diese hatte er mit dem Preisgeld gegründet und ist auf Gewebeanalyse bei neurodegenerativen und Krebserkrankungen spezialisiert. Für den Forschungsnachwuchs und bei der Mitarbeiter*innen-Gewinnung profitieren PRODI wie betaSENSE von der inhaltlichen wie räumlichen Nähe zur Ruhr-Universität Bochum. „Es war die richtige Entscheidung, aus den USA zurück- und hierherzukommen“, so Klaus Gerwert.

#darumBochum: Prof. Dr. Klaus Gerwert

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