Annette Dabs

Figurentheater

Wegweisende Produktionen und wichtige Expertise

Bochum ist eine Theaterstadt mit langer Tradition. Das gilt auch für eine besondere Sparte: das Figurentheater. Die Stadt ist eines der wichtigsten Zentren in Europa für diese Spielkunst. Anette Dabs, Regisseurin, Festivalleiterin und Kulturmanagerin, hat daran maßgeblich Anteil. National und international ist die langjährige Leiterin des Deutschen Forums für Figurentheater und Puppenspielkunst – heute kurz FIDENA – als Expertin unterwegs.

Noch vor dem Jahreswechsel war Annette Dabs zum Beispiel zehn Tage in China. „In der Szechuan-Region, erst in Chengdu und dann in Nanchong – Anlass war die Eröffnung eines neuen Schattentheaterzentrums in städtischer Trägerschaft, das in engem Austausch mit UNIMA steht und in dem geforscht und gelehrt wird“ erzählt sie. UNIMA ist die „Union Internationale de la Marionnette“, die älteste internationale Theaterorganisation, die mit ihren über 90 nationalen Zentren der UNESCO angeschlossen ist, weltweit das Puppenspiel fördert und zur Verständigung zwischen den Völkern nutzt. Annette Dabs ist seit 2021 Vizepräsidentin des internationalen Verbands. „Das war meine vierte Reise nach China für UNIMA“, so Annette Dabs, die auf dem Festival mit Kolleginnen und Kollegen aus Europa, Amerika und Australien zusammengetroffen ist.

Zur Eröffnung des neuen Schattentheaterzentrums gab es Straßenparaden, eine große Eröffnungsshow und Inszenierungen, in denen traditionelle Heroen Dämonen bekämpften oder Handel und Wandel im Fokus standen. Zu sehen bekam die Bochumerin einen Mix aus Stock- und Handpuppenspiel, Schattentheater, Schauspiel und Videoanimationen – „bis hin zu einem gigantischen Transformer, der einen modernen Marco Polo darstellte und zugleich sinnbildlich für den Staat symbolisieren sollte, der viel transformiert und voranbringt.“ Dabei gibt sich die deutsche Regisseurin keinen Illusionen hin: „China pflegt die Tradition des Figurentheaters sehr, aber natürlich ist das Spiel staatlich gelenkt.“

Das Figurentheater hat in China eine uralte Tradition. „Man hat dort eine Grabbeigabe gefunden, bei der es sich um die erste Form einer Puppe handeln könnte“, berichtet Annette Dabs. Über die Seidenstraße könnten die ersten Puppen nach Europa gekommen sein. Doch auch anderswo finden sich frühe Spuren des Puppenspiels: „Es gibt ein Steinrelief der Azteken, auf denen eine Handpuppe gehalten wird“, so die Figurentheater-Expertin. „Es ist faszinierend, dass es diese Theaterkultur schon seit Jahrtausenden gibt.“

„Es ist einfach so, dass man in Bochum eine Theaterhochburg hat. Es gibt eine große freie Szene, es gibt tolle Spielstätten in diesen ganzen Industriehallen, die auch einfach etwas Einzigartiges sind. Und man arbeitet gut hier in Bochum, weil hier viele Leute sind, die einem das Arbeiten auch ermöglichen wollen."
Annette Dabs
Regisseurin, Festivalleiterin und Kulturmanagerin

Berufung in Bochum gefunden

Die diplomierte Schauspiel- und Opern-Regisseurin sowie Kulturmanagerin entdeckte das Figurentheater erst spät für sich, arbeitete zuvor unter anderem am Schauspielhaus Hamburg mit Peter Zadek an prägenden Inszenierungen wie „Lulu“ und am Essener Grillo-Theater mit Hansgünther Heyme an anspruchsvollen Großproduktionen wie „Orestie“. Auch einen Abstecher ins Kulturmanagement machte sie: als persönliche Referentin der Kulturdezernentin in der documenta-Stadt Kassel. Das Musiktheater im Revier zählte ebenso zu ihren beruflichen Stationen wie ein kleines Boulevardtheater. Bis schließlich das Telefon klingelte und man versuchte, sie für die Leitung des Deutschen Forums für Puppenspielkunst (dfp) und des internationalen Figurentheaterfestivals „Fidena – Figurentheater der Nationen“ zu gewinnen.

Das war 1997. „Meine Vorgängerin Silvia Brendenal zeigte mir Aufnahmen, Fotos und Plakate früherer Produktionen – ich war baff“, erinnert sich Annette Dabs. „Das war fantastisch und eine völlig neue Dimension für mich.“ Mit 36 Jahren habe sie in der Theaterstadt Bochum so ihre Berufung gefunden.

Ein Vierteljahrhundert Theaterhighlights

Unter ihrer künstlerischen Leitung sind in einem Vierteljahrhundert bemerkenswerte Inszenierungen und Kooperationen entstanden, so mit dem Schauspielhaus, der RuhrTriennale und den Ruhrfestspielen. Zu den Spielorten zählen die Jahrhunderthalle Bochum, das Theaterrevier und das von Annette Dabs geliebte Schauspielhaus. In der damals noch verlassenen Jahrhunderthalle gab sie auf ihrer ersten FIDENA 1999 dem australischen Radical Body Artist „Stelarc“ den Raum, seine wegweisende Inszenierung „Exoskeleton: Event for Walking Maschine“ zu zeigen: Für die Performance schlüpfte der Künstler in einen spinnenartigen Roboter und thematisierte in dem Zusammenspiel von Körper und Maschine die „Veralterung“ des menschlichen Körpers, der seine Bewegungen durch ein äußeres Stützskelett ausführen lässt. Robert Lepages gefeiertes Stück „The Far Side of the Moon“ über zwei rivalisierende Brüder war einer der Höhepunkte der FIDENA 2002. Der kanadische Autor, Regisseur und Bühnenbildner griff in seiner Gastproduktion den technologischen Wettlauf zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion auf. Viel Renommee brachte Annette Dabs 2016 zudem ihre eigene FIDENA-Inszenierung „Moondog“ ein: Die Hommage an den blinden Komponisten Louis Hardin, der sich nach seinem Blindenhund „Moondog“ benannte, besticht durch eine riesige Hundepuppe, die von drei Personen geführt zu Leben erwacht, während neben ihr Musiker live ein Konzert mit „Moondog“-Stücken spielen. „Diese von Stefanie Oberhoff gefertigte Figur wurde zu einer Art als Maskottchen der letzten documenta zu sehen und bleibt in Kassel ausgestellt“, verrät Annette Dabs, die die Leitung der FIDENA 2025 in neue Hände legte.

Erste eigene Spielstätte in Deutschland

Auf ihr Wirken blickend, sagt sie: „Durch meine Arbeit und Kurratierung hat das Genre sehr große Anerkennung gewonnen – das freut mich sehr.“ Auch der „Fritz-Wortelmann-Preis“, der älteste Kulturpreis der Stadt Bochum, der alle zwei Jahre für herausragende Leistungen im Figurentheater verliehen wird, hat sich unter der Leitung von Annette Dabs zu einer geschätzten Trophäe entwickelt: „Damals wurde er ausschließlich für Amateurtheater vergeben. Heute würdigt der ,Fritz‘ auch professionellen Nachwuchs aus der freien Szene. Das ist uns gut gelungen.“

National wie international sieht die gebürtige Lübeckerin das Figurentheater „sehr im Aufwind“. Für Theater wie Festivals gelte: Kaum eines kommt ohne Figuren- oder Puppenspiel aus. Durch die digitalen Medien ergäben sich neue Dimensionen. An spannenden Stücken und qualifiziertem Nachwuchs herrsche, auch dank zweier Studiengänge in Berlin und Stuttgart, kein Mangel. Anders verhalte es sich mit festen, eigenen Spielstätten.

Unter Annette Dabs Projektleitung soll daher in Bochum ein „European Center for Puppetry Arts“ – ein Produktionshaus, kurz „PUCK“, genannt – entstehen. Dazu könnte die Kunst- und Kulturkirche Christ-König am Steinring um- und ausgebaut werden. „Es gibt schon eine Machbarkeitsstudie mit Raum- und Betriebskonzept sowie Kostenprognose zur Technikausstattung, die mit Fördergeldern des Bundes und der Stadtwerke Bochum erstellt wurde“, erläutert sie. „Es gibt viel ideelle Unterstützung für das Vorhaben.“

Das „PUCK“ würde der FIDENA und dem Figurentheater-Kolleg Bochum ein gemeinsames Zuhause mit starken Synergien und Impulsen für diese Theatersparte bieten und für Theatergäste eine moderne, passgenaue Spielstätte entstehen lassen.  

Das Figurenkolleg als staatlich anerkannte Bildungsstätte für Figuren-, Puppen-, Marionetten- und Objekttheater mit FIDENA unter einem Dach wäre sinnig: Das Kolleg vermittelt Figurenbau, -spiel und -animation, ebenso Dramaturgie und Regie sowie unter anderem Lichttechnik und Stimmtraining. Es ist zugleich Spielstätte. 

„In Deutschland fehlt es bisher an solch einem Produktionshaus“, so Annette Dabs. „Wir können diese Lücke schließen. In Bochum haben wir die Expertise dafür!“

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